Vaterrechte Schweiz
In Zusammenarbeit mit der Kindesschutzorganisation Schweiz
Gerichtsfälle

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Begleitetes Besuchsrecht

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Datum: 18.12.2000 Drucken / PDF erstellen:
Herkunft: www.lu.ch/ Weitere Dokumente: -
   
Entscheid:
Im Scheidungsurteil des Amtsgerichts wurde die elterliche Sorge über die zehnjährige Tochter X. der Klägerin zugesprochen. Dem Beklagten wurde kein Besuchsrecht zugestanden. Gegen dieses Urteil legte der Beklagte Appellation ein und beantragte die Einräumung eines Besuchsrechts. Die Tochter X. lehnte in der Anhörung durch den obergerichtlichen Instruktionsrichter einen Kontakt mit dem Beklagten ab.

Aus den Erwägungen:

3.5. Der Beklagte ist angesichts der klaren Haltung von X. neu bereit, die Besuche begleitet stattfinden zu lassen. Die Klägerin lehnt dies ab.

Die Anordnung eines begleiteten Besuchsrechts bedarf konkreter Anhaltspunkte für die Gefährdung des Kindeswohls. Wegen der damit verbundenen Eingriffe in die Persönlichkeit des Kindes und der Eltern ist eine gewisse Zurückhaltung bei dieser einschneidenden Massnahme zu üben (BGE 122 III 404, 408). Eine Besuchsbegleitung sollte dann verfügt werden, wenn sie für eine absehbare Zeit gelten soll und danach wieder aufgehoben werden kann (Bräm Verena, Das Besuchsrecht geschiedener Eltern, in: AJP 7 [1994] S. 905 mit Hinweis auf BGE 119 II 201 ff.). Das begleitete Besuchsrecht ist als Alternative zur Verweigerung des Besuchsrechts zu verstehen und nicht als solche zum ordentlichen, unbegleiteten Besuchsrecht (Das begleitete Besuchsrecht als Spezialfall der Besuchsrechtsregelung, in: ZVW 1 [1999] S. 23).

Wohl könnte mit einem begleiteten Besuchsrecht eine mögliche Entführungsgefahr von X. eingeschränkt werden. Auch könnte damit erreicht werden, dass das Kind den Beklagten ohne Klägerin in einem geschützten Rahmen erleben könnte, frei von Auseinandersetzungen zwischen den Parteien. Es gilt indes zu berücksichtigen, dass die vorliegende Besuchsproble-matik nicht primär auf eine mögliche Entführungsgefahr zurückzuführen ist. Ebensowenig ist es ein hauptsächliches Anliegen, Streitigkeiten der Parteien vor X. zu verhindern. Der Beklagte begründet seinen neuen Antrag im Wesentlichen mit dem Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 15. November 2000. Dieser gibt aber vor allem die von Therapeuten erfahrene Sicht des Beklagten wieder und nimmt auf die Interessen und das Wohl von X. nicht direkt Bezug. Da die ablehnende Haltung von X. auf eigenen negativen Erfahrungen mit dem Beklagten beruht und sie heute grundsätzlich eine Kontaktnahme ablehnt, stellt das begleitete Besuchsrecht keine taugliche Alternative zur Verweigerung des Besuchsrechts dar. Vielmehr würde mit der Anordnung ei-nes begleiteten Besuchsrechts dem Willen des Kindes zuwider gehandelt und es damit in sei-ner Persönlichkeit nicht ernst genommen. Dazu kommt, dass ein begleitetes Besuchsrecht eher bei Kleinkindern Sinn macht und dies auch in der Regel nur dann, wenn die Besuchsbegleitung in einem möglichst frühen Zeitpunkt der familiären Konfliktsituation zum Tragen kommt. Haben sich die Fronten einmal verhärtet und ist die eingetretene Distanz auf nachvollziehbar negative Erfahrungen des Kindes zurückzuführen, kann auch ein begleitetes Besuchsrecht seinen Zweck nicht mehr erfüllen.

3.6. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass dem Beklagten in Abweisung der Appellation ein (auch begleitetes) Besuchsrecht gegenüber X. zu verwehren ist. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass nach einer Beruhigung der Situation bei X. selber wieder der Wunsch entsteht, den Kontakt zu ihrem Vater zu suchen und auch aufzunehmen. Dieser Schritt, der für ihre Entwicklung und Identitätsfindung wichtig wäre (BGE 122 III 404, 407), soll aber auf ihre Initiative stattfinden, wenn er sinnvoll und tragfähig sein soll.

II. Kammer, 18. Dezember 2000 (22 00 77)
Gericht/Verw.behörd.: Obergericht
Abteilung: II. Kammer
Rechtsgebiet: Familienrecht
Entscheiddatum: 18.12.2000
Fallnummer: 22 00 77
LGVE: 2000 I Nr. 13
Betreff: Begleitetes Besuchsrecht
Leitsatz: Art. 274 Abs. 2 ZGB. Voraussetzungen für die Anordnung eines begleiteten Besuchsrechts.
Rechtskraft: Diese Entscheidung ist rechtskräftig.